Eine Zeit in einer Zeit außerhalb der Zeit




Kurzgeschichte von
Fred Lohrer-Pfeffer & Elke Pfeffer
FLP Arts




Wir schreiben das Jahr 2035, die Welt scheint normal zu sein, obwohl?
Wenn man genauer hinschaut, oder vielmehr hinhört, fällt einem das eine oder andere auf, z.B. es fehlt etwas,
etwas ganz typisches
-lautes Gerede, Gelächter, Diskusionen, Geplapper,-
einfach all das was für uns normal erscheint.

Wie kommt das? Hat der Mensch das Sprechen verlernt,
mutierte er zu einer Spezies, die sich nur noch mit Mimik und Gestik mitzuteilen versteht?




Dort am Ende der Straße können wir zwei Menschen beobachten, die sich offensichtlich aufgeregt miteinander unterhalten, doch man hört nichts, kein Laut, kein Wort, trotzdem gestikulieren sie wie wir es aus vergangenen Zeiten kennen, doch ohne Ton aber sich dennoch köstlich amüsierend.

Als Zeitreisender hat man so seine Probleme, wie sie sicher verstehen können. Immer dann wenn ich mich einer Situation gegenüber sehe, die mir völlig fremd erscheint, muß ich unwahrscheinlich gut pirschen um nicht allzusehr aufzufallen, doch gerade in dieser hier beschriebenen Reise, muß ich ehrlich gestehen, wußte ich anfangs nicht, wie mich zu verständigen.
Nun ich nahm all meinen Mut zusammen, und dachte, "naja mehr als schiefgehen kann es ja nicht", oder?
Ich ging geradewegs auf die Beiden zu und grüßte sie freundlich:
"Hy Freunde, könnt' ihr mir wohl mal helfen?, Ich brauch 'ne Bleibe über Nacht und kenn mich überhaupt nicht aus hier!", in der Hoffnung auf Verständnis zu treffen.- immerhin befanden wir uns in dem Land von dem aus ich gestartet war.
Das gute alte, "the good old Germany"!
Diese schauten mich erschrocken an, mit panischem Blick in den Augen und rannten davon, als wäre der Teufel persöhnlich hinter ihnen her.

Was soll man davon halten, so schlecht sehe ich nun auch wieder nicht aus.
Etwas entmutigt setzte ich mich an den Straßenrand und grübelte so vor mich hin, und ließ mir die ganze Scene immer und immer wieder durch den Kopf gehen, aber außer, daß ich vielleicht ein wenig zu laut gewesen bin, fiel mir nichts auf an was man sich stören könnte.




Eine junge Frau setzte sich neben mich und grinste mich an. Sie war so ungefähr 15 Jahre alt, vielleicht 17. Sie hatte schwarze, hüftlange Haare, pechschrarze Augen, ein sehr schmales, kantiges Gesicht, von schlanker Gestalt und war so schätzungsweise ca 1,60m groß. Irgendwie erinnerte sie mich an eine Indianerin und wenn ich ehrlich bin, je länger ich in ihr Gesicht sah, war ich mir ihres Alters gar nicht mehr so sicher, sie hätte genauso gut älter sein können, oder auch nicht. Sie trug Bluejeans, eine regenbogenfarbene Bluse und sehr leichte, schwarze und absolut flache Stoffschuhe. Zur Abrundung dieser exotischen Erscheinung war noch dieser auffallende Schmuck zu bemerken. Besonders ihre großen, goldenen Ohrringe ließen ihr Äußeres als zigeunerhaft, indianisch wirken.

Offensichtlich hatte sie die Situation von gerade eben beobachtet, zuckte mit ihren Schultern und winkte mit der Hand ab, als wollte sie sagen,
"ach mach dir nichts draus".
Irgenwie war mir als ob sie was gesagt hätte, doch ohne ihre Lippen zu bewegen.
Ich wollte etwas zu ihr sagen, doch sie legte ihren Zeigefinger an meinen Mund um Stillschweigen zu bedeuten,
es war ein ganz leises "pst" zu hören.
Sie wiederholte noch einmal was sie , wie soll man sagen, laut gedacht hatte, und dieses mal verstand ich was sie dachte, oder sagen wollte. Ich wußte allerdings nicht wie das vor sich ging.
Sie dachte:"Hey, was bist du denn für einer, hast wohl zu viel Geld was? Oder weißt du denn nicht daß die Copyrightgebühr ziemlich teuer wird falls das was du gesagt hast von den Gebühreneintreibern mitgehört wurde?"
Ich schaute sie mit unzäligen Fragezeichen an, daß ihr völlig klar war, -ich wußte es wirklich nicht-.

"Ich glaube, ich muß dir etwas erklären, wo immer du herkommst.",dachte sie und gab mir zu verstehen,
daß ich besser zuhören sollte, als mich in irgendeiner Weise zu äußern.




"Also, es war so ungefähr 1999, als die Leute anfingen die Lücke des Copyrights zu entdecken,
und auszunutzen.
Manche fingen an Teile einer Sprache unter ihr Copyright zu setzen und kamen damit durch,
ja, sie fingen an im Computerbereich, z.B. Scriptsprachen, sogar einzelne Prozesse. Sie behaupteten, daß sie die erste Kombination von irgendwelchen Scripten erfunden hätten, und sie bekamen Geld dafür, wenn diese Scripte von Anderen verwendet wurden.
Das war ungefähr so, als wenn irgendwelche Leute sagen würden, sie hätten den Satz, "o.K. ich geh mal in's Restaurant", erfunden, und jeder dafür bezahlen muß, der mit diesem Satz arbeitet.
Witzig, gell?
Sprache ist Sprache denkst du, sie sind zum sprechen da. Aber genauso war's. Manche Geschäftsleute haben angefangen, da sie die ersten waren, die auf dieses Geschäft aufmerksam wurden, Teile einer Sprache unter Copyright zu setzen, nur weil noch keiner auf diese Idee gekommen war."

In diesem Moment liefen zwei Afrikaner an uns vorbei die sich laut und scherzend, ja, so wie man sie kennt, unterhielten, in ihrem Sound, ja, irgendeine afrikanische Sprache!

Ich schaute etwas verdutzt.
Die junge Indianerin bemerkte es und kommentierte,"och, das war Eine der Erlaubten. Es ist niemand gelungen, auf diese Sprachen ein Copyright zu setzen, da es etwas schwierig ist, zu sagen, man hätte "das Lachen" erfunden. Somit sind alle Sprachen der Urvölker, speziell, einige afrikanische, tibetische und einige indianische Sprachen erlaubt, die nicht unter Copyright stehen. Was heißt erlaubt, du kannst natürlich alle Sprachen dieser Welt sprechen, vorrausgesetzt, du hast genug Geld in der Tasche.
Sie hatten, so schlau wie sie waren, um die Gebühren zu überwachen, Helfer angestellt, die dafür verantwortlich waren, sofort Meldung zu erstatten, wann, wo, wer, und was gesagt wurde, um dann von den Firmen und Geschäftsleuten richtig gut abzukassieren, diese wiederum sorgten dann dafür, daß sie ihr Geld bekamen, und zwar von denen die gesprochen hatten. Es ist einer der bestbezahlten Jobs, die es weltweit gibt, auch heute noch.
Man nannte sie die "IDIOTEN" oder
"In Den Irrsinn Ordentlicher Taten Eingefangene Niederträchtigen".
Offiziell heißen sie natürlich anders, nämlich: "CGE", oder "Copyright Gebühren Eintreiber".
Es konnten Teile einer Sprache gemietet werden, was für Leute, die viel reden mußten um ihrer Arbeit nachzugehen natürlich sehr teuer war. Bestimmten Berufsgruppen, wie z.B. Lehrer, wurde die Gebühr von den Schulen und Hochschulen erstattet, was sich dann wieder auf die Schulgebühren niederschlug. Somit konnten mit der Zeit nur noch sehr Reiche in die Schule gehen.
Das war aber weiter nicht schlimm, denn zu diesem Zeitpunkt sind nur noch Scheinchenjäger in diese Schulen gegangen. Das eigentliche Wissen wurde schon seit langem über das Internet verbreitet, und wer jemanden einstellen wollte, fragte nicht nach irgendwelchen Zeugnissen, sondern nach Kenntnissen und Fähigkeiten, die sich jeder Einzelne, in seiner Eigenverantwortung selbst beibrachte.
Erst als es soweit war, haben die Menschen begriffen, daß auf Schulen immer nur Altes, nicht mehr aktuelles Wissen vermittelt wurde, und das schon immer so war.
Du wirst dich sicher fragen, "tja, wenn reden teuer ist, was machten dann die Oberschwätzer der Nation, die Politiker?"
Ganz einfach, die Bewohner des Landes mußten für dieses, zumeist sinnlose Gerede aufkommen. Und da man nicht jedes einzelne Wort berechnen konnte wurde eine zusätzliche Steuer erfunden.
Doch selbst die Politiker mußten irgendwann kleinbei geben, da nicht alle Worte erlaubt waren, weil manche Geschäftsleute bestimmte Worte und Teile einer Sprache nur für bestimmte Zwecke erlaubt hatten. Mit der Zeit waren die öffentlichen Diskussionen eine wahre Volksfreude und die Politker gaben sich einer solchen Lächerlichkeit preis, daß sogar der Abgebrühteste unter Ihnen aufgab, sich in der Öffentlichkeit irgendwie zu äußern. Die wichtigen Dinge wurden nur noch schriftlich behandelt, besonders über's Netz.
Du siehst es hat durchaus auch seine guten Seiten.




Nach einigen Jahren gab es ein solches Ausmaß an Einschränkungen, daß die Menschen es satt hatten nur halbe Sätze zu sprechen, oder nur einzelne Worte benutzen zu können ohne jedesmal zur Kasse gebeten zu werden. Denn nur noch sehr wenige Worte blieben übrig, die noch frei waren.
Und so fingen die Meditationsfreaks an sich ausschliesslich telepatisch zu unterhalten. Nur wenige Jahre vergingen um dieses Wissen zu verbreiten und die Leute können jetzt wieder frei Leben. Dieses, übrigens sehr alte Wissen der Telepathie, ist so normal geworden, daß es von Kindheit an gelernt wird und inzwischen dem Sprechen vorgezogen wird, weil man sich viel umfangreicher, bildhafter gefühlvoller und deutlicher mitteilen kann.
Du denkst jetzt sicher, "aber dann kann ja jeder meine Gedanken lesen", klar aber es kann wirklich jeder, und somit muß eben eine gewisse Eigenkontrolle erlernt werden, bis hin zu sehr weitreichender Bewußtseinserweiterung, was so oder so stattfindet. Und glaub mir, ich will gar nicht immer wissen, was der Andere denkt, man kann ja zum Glück für sich selbst abschalten, und so machen es die meisten, oder glaubst du, daß früher die Leute nicht auch einfach weggehört haben, obwohl klar und deutlich mit ihnen gesprochen wurde?
Du z.B. beherrschst die Telepathie noch nicht ganz von selbst, im Moment helfe ich ein wenig nach, damit du mich verstehst. Wundere dich also nicht, wenn du in deine Welt zurückreist, daß du anfangs noch nicht gleich telepathisch verstehen wirst. Doch mit der Zeit geht es wie von selbst. Du bist übrigens schon sehr gut. Man sagt, wer sich einmal eingeschwungen hat auf diese Frequenz, wird es recht bald von alleine können.

Ich schwieg, was anderes bleibt einem in dieser Welt wohl nicht übrig, und schaute in Ihre schwarzen, tiefen Augen, in denen ich die ganze Menschheitsgeschichte ablesen konnte.
"Wie kommt es, daß die Sprachen der Urvölker keinerlei Beschränkung unterliegen", fragte ich sie.
"Ganz einfach", sagte sie, "zwar nicht alle dieser alten Sprachen sind frei, aber doch Einige, und zwar speziell sehr alte indianische, afrikanische und die tibetische Sprachen gehören dazu. Alle aus dem gleichen Grund:
Diese Sprachen beschreiben die Welt in eigenen Naturgewalten, in eigenständigen Kräften, die vollkommen unabhängig von einander existieren und eigenes Leben besitzen. Z.B. dort heißt es nicht wie in den westlichen Sprache: "Und dann lachte ich", sonder "Das Lachen ist zu mir gekommen".
In dieser sehr kraftvollen Weise baut sich die ganze Sprache auf. Somit hat doch diese Power überlebt, und wird weiter überleben. Außerdem war und ist in diesen Kulturen schon immer eines hervorgehoben worden, das war die Kraft der
Worte."




Sie las meine Gekanken, wie ein offenes Buch, denn sie antwortete auf eine Frage, die sich im Laufe unseres Gedankenaustausches aufgestaut hatte.
"Nein, ich bin nicht so jung, wie du denkst", sagte sie plötzlich, nach einer etwas längeren Pause, "ich bin genau wie du eine Zeitreisende, die es vorgezogen hat in diesem, mir sehr angenehmen Äußeren zu erscheinen."
In diesem Augenblick verwandelte sie sich ganz langsam, fließend. Ihre Gesichtszüge wurden erwachsener, ernster. Die Falten nahmen zu, sogar ihr Haar verfärbte sich, bis sie eine alte Indianerin war, dann verwandelte sie sich weiter in einen alten Mann, und langsam wurde sie wieder jünger, zu einem jungen Knaben, bis wieder diese alterslose Indianerin vor mir saß.
"Du siehst, Zeit existiert nicht. Es ist nur eine Frage der Definition der Wahrnehmung. Je mehr persöhnliche Energie du hast, um so flexibler wird dein Zeitverständnis und um so leichter kannst du reisen.
In deinem Zeitdenken bin ich ungefähr 450 Jahre alt." Sie grinste über beide Backen, als sie mein verblüfftes Gesicht sah. "Ich habe sofort gesehen, daß auch du ein Zeitreisender bist, man trifft nur sehr wenige Reisende, die sich bewußt sind, daß sie reisen.
O.K. dann will ich dich nicht länger aufhalten und weiterziehen, es war schön sich mit dir zu unterhalten, und hoffe daß ich dir ein wenig weiterhelfen konnte.
Wahrscheinlich treffen wir uns bald mal wieder auf unseren Reisen, denn es heißt:
Wenn sich Zeitreisende treffen, begegnen sie sich immer wieder. Auf bald."
Ich verabschiedete mich von ihr und bedankte mich für dieses irrsinnig, aufregende, schöne Gespräch in Gedanken.
Einige Tage blieb ich noch in jener fernen Zukunft und übte mich in Telepathie, bis ich es an der Zeit fand in unsere, uns vertrautere Umgebung und Zeit zurückzukehren.
Es stimmt, mit mehr und mehr Übung behrrscht man Telepathie von alleine.

"Es ist der Raum der uns die Zeit gibt zu entfliehen."
"Die Kraft des Augenblickes ist die Seele des Lebens."
"The power of the moment is the soul of life."
"La furerza del momento es la alma de la vida."

by FLP Arts




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